Dienstag, 5. Juni 2018

Die Reflexion ist absolut frei.


 
Die Reflexion ist schlechthin frei in der Wahl des Mannigfaltigen, auf welches sie geht, es ist kein absoluter Grund da, weshalb sie dies oder jenes wähle. ... /

Das Reflektierende ist Ich, und zwar ideales Vermögen, welches durch die oben aufgezeigte Bestimmung des realen Ich nicht bestimmt ist. Aber es ist Charakter der Ichheit, sich schlechterdings selbst zu bestimmen, ab- solut erstes, nie zweites zu sein; die Reflexion ist also absolut frei. Diese absolute Freiheit der Reflexion ist selbst etwas Übersinnliches. In der Gebundenheit, nur auf Teile und nur auf solche Teile reflektieren zu können, tritt erst das Sinnliche ein. Hier ist der Vereinigungspunkt der sinnlichen und der übersinnlichen Welt angegeben.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 156f.


Nota I. - Die reale Tätigkeit, das wirkliche, lebendige Vorstellen, ist nur 'an sich' frei, nämlich insofern es von nichts Fremdem bestimmt ist; aber nicht 'für sich' frei, insofern es noch gar nicht bestimmt ist. Indem es sich reflek- tierend selbst-bestimmt, wird es ideale Tätigkeit, denn erst hierin wird es für sich frei. Erst hier wird es ein Ich.
 
Merke: Die Wissenschaftslehre schafft kein neues Wissen, sondern macht lediglich das Mysterium unserer Freiheit verständlich.

20. 11. 14


Nota II. - Reflexion ist die 'ideale Tätigkeit'. - 'Die Tätigkeit' des (sich setzenden) Ich ist eine. Wo sie auf einen Wi- der-, d. h. Gegenstand stößt, entsteht ein Gefühl. Das 'Quantum' Tätigkeit, das sich im Gefühl selbst affiziert, nennt F. 'reale' Tätigkeit. Das überschüssige Quantum, das ggf. über den Widerstand hinweggeht und nicht durch ein Gefühl 'gebunden' wird, nennt er 'ideale' Tätigkeit. 

Diese ungebundene Tätigkeit ist der Voraussetzung nach absolut frei. Aus Freiheit kann sie sich erneut - reflektie- rend - auf das entstandene Gefühl und seinen Gegenstand richten: Dies versteht F. unter Anschauung. Sie ist die erste Reflexionsstufe, und indem sie freie und gebundene Tätigkeit zusammenführt, synthetisiert sie Reales und Ideales.

Stets im Sinn: F. will erklären, wie es zur Vernunft gekommen ist. Dass es zur Vernunftgekommen ist, war der faktische Ausgangspunkt der Analyse, zu dem die synthetische Rekonstruktion zurück zu führen hat. Nur das, was auf diesem Weg liegt, hat sie zu beachten. Denn nicht, dass es notwendig war, hat sie zu zeigen - sie behaup- tet im Gegenteil, dass es durch Freiheit möglich wurde -, sondern sie hat lediglich die Bedingungen der Möglichkeit zu demonstrieren. Dass die Möglichkeit Wirklichkeit wurde, war der Ausgangspunkt und bleibt der Zielpunkt.
JE


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