Freitag, 21. August 2015

In flagranti.

Bosch

Das Handeln des freien Wesens außer mir, auf welches so geschlossen ist, verhält sich zu dem mir angemuteten Handeln, wie der angefangene Weg zu der Fortsetzung desselben. Es ist mit gegeben eine Reihe der Glieder, durch welche der Zweck bedingt ist, eine Reihe, die ich vollenden soll. Zuförderst ist sonach alles Handeln freier Wesen ein Hindurchgehen durch unendlich viele Mittelglieder, die bloß durch die Einbildungskraft gefasst werden, wie bei der Bewegung durch unendlich viele Punkte. Es fordert mich jemand auf heißt: Ich soll an eine gegebene Reihe des Handelns etwas anschließen; er fängt an und geht bis auf einen gewissen Punkt, von da soll ich anfangen.

Nun liegt hier ein unendlich Mannigfaltiges der Handlungsmöglichkeiten, welche bloß durch Einbildungskraft zusammengefasst werden. Denn das Handeln mehrerer Vernunftwesen ist eine einzige durch Freiheit bestimmte Kette. Die ganze Vernunft hat nur ein einziges Handeln; ein Individuum fängt an, ein anderes greift ein und s. f., und so wird der ganze Vernunftzweck durch unendlich viele bearbeitet und ist das Resultat von der Einwirkung aller. Es ist dieses keine Kette physischer Notwendigkeiten, weil von Vernunftwesen die Rede ist. Die Kette geht immer in Sprüngen, das Folgende ist immer durchs Vorher-/gehende bedingt, aber dadurch nicht bestimmt und wirklich gemacht. (vide Sittenlehre.) Die Freiheit besteht darin, dass aus allen möglichen nur ein Teil an die Kette angeschlossen werde.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 232f.


Nota. -  Das ist ja nun ein fauler Trick. Erinnern wir uns, dass noch an keiner Stelle des Vortrags bis jetzt dedu- ziert wurde, 'was Vernunft ist' - außer der nominellen Bestimmung, sie sei 'das Handeln freier Wesen', mit allen- falls der Umkehrung: Wo freie Wesen unfrei - anders als aus selbstgesetztem Zweckbegriff - handeln, da han- deln sie unvernünftig. Wir wissen außerdem, dass reelle Vernünftigkeit 'zustande kommt' durch gegenseitige Aufforderung. Eine über diese formalen Bestimmungen hinausgehende inhaltliche Füllung des Begriffs haben wir noch nicht. 

Nichts berechtigt insbesondere dazu, den Anteil der "unendlichen Mannigfaltigkeit der Handlungsmöglichkei- ten", der bis dato schon realisiert wurde, als einen Zweck zu identifizieren; einstweilen handelt es sich erst um eine endliche Mannigfaltigkeit von Handlungen. Machen wir's kurz: Dass Vernunft ihrem Gehalt nach durch einen Zweck und durch einen Zweck bestimmt wäre, hat er schlichtweg unterschoben. Denn wenn der Vernunft ein solcher vorgegeben wäre, wäre sie nicht frei und wäre keine Vernunft.

Wir finden im Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierungder an dieser Stelle der WL nova methodo längst vorlag, die merkwürdige Extrapolation eines vernünftigen Endzustandes, der nachträglich der endlichen Man- nigfaltigkeit reell gewählter Handlungsmöglichkeiten als deren gemeinsamer Bestimmungsgrund zugerechnet wird. Das wäre aber die Absurdität einer vollendeten Unendlichkeit. Aus allem bisher Vorgetragenen lässt sich 'her- leiten' lediglich eine aktuale Vernünftigkeit der 'Reihe vernünftiger Wesen', die immer nur in ihrem jeweiligen Handeln 'da ist' und ihren Zweck in jedem gegebenen Augenblick in sich selber hat; weshalb ein Ende sie zu- nichte machen würde: Durch den ihnen gemeinsamen Einen Zweck wäre die 'Reihe vernünftiger Wesen' zu einem Subjekt und wäre ihre mannigfaltige Vernünftigkeit zu einer Vernunft geworden; nur hätten sie ipso facto aufgehört, vernünftig zu sein. Es wäre eine Reductio ad absurdum.
JE

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