Freitag, 13. Juli 2018

Die Wissenschaftslehre entsteht nicht notwendig, sondern aus Freiheit.



Das Object der Wissenschaftslehre ist nach allem das System des menschlichen Wissens. Dieses ist unabhängig von der Wissenschaft desselben vorhanden, wird aber durch sie in systematischer Form aufgestellt. Was ist nun diese neue Form; wie ist sie von der Form, die vor der Wissenschaft vorher vorhanden seyn muss, unterschie- den; und wie ist die Wissenschaft überhaupt von ihrem Objecte unterschieden?

Was unabhängig von der Wissenschaft im menschlichen Geiste da ist, können wir auch die Handlungen dessel- ben nennen. Diese sind das Was, das vorhanden ist; sie geschehen auf eine gewisse bestimmte Art; durch diese bestimmte / Art unterscheidet sich die eine von der anderen; und dieses ist das Wie. Im menschlichen Geiste ist also ursprünglich vor unserem Wissen vorher Gehalt und Form, und beide sind unzertrennlich verbunden; jede Handlung geschieht auf eine bestimmte Art nach einem Gesetze,* und dieses Gesetz bestimmt die Hand- lung. Es ist, wenn alle diese Handlungen unter sich zusammenhängen, und unter allgemeinen, besonderen und einzelnen Gesetzen stehen, für die etwanigen Beobachter auch ein System vorhanden.

Es ist aber gar nicht nothwendig, dass diese Handlungen wirklich der Zeitfolge nach in jener systematischen Form, in welcher sie als von einander dependirend werden abgeleitet werden, eine nach der anderen, in unse- rem Geiste vorkommen; dass etwa die, welche alle unter sich fasst, und das höchste, allgemeinste Gesetz giebt, zuerst, sodann die, welche weniger unter sich fasst u.s.f. vorkommen; ferner ist auch das gar nicht die Folge, dass sie alle rein und unvermischt vorkommen, so dass nicht mehrere, die durch einen etwanigen Beobachter gar wohl zu unterscheiden wären, als eine einzige erscheinen sollten. 

Z.B. die höchste Handlung der Intelligenz sey die, sich selbst zu setzen, so ist gar nicht nothwendig, dass diese Handlung der Zeit nach die erste sey, die zum deutlichen Bewusstseyn komme; und eben so wenig ist nothwen- dig, dass sie jemals rein zum Bewusstseyn komme, dass die Intelligenz je fähig sey, schlechthin zu denken: Ich bin, ohne zugleich etwas anderes zu denken, das nicht sie selbst sey. 

Hierin liegt nun der ganze Stoff einer möglichen Wissenschaftslehre, aber nicht diese Wissenschaft selbst. Um diese zu Stande zu bringen, dazu gehört noch eine, unter jenen Handlungen allen nicht enthaltene Handlung des menschlichen Geistes, nemlich die, seine Handlungsart überhaupt zum Bewusstseyn zu erheben. Da sie unter jenen Handlungen, welche alle nothwendig, und die nothwendigen alle sind, nicht enthalten seyn soll, so muss es eine Handlung der Freiheit seyn. – 

Die Wissenschaftslehre entsteht also, insofern sie eine systematische Wissenschaft seyn soll, gerade so, wie alle möglichen Wissenschaften, insofern sie systematisch seyn sollen, durch eine / Bestimmung der Freiheit; welche letztere hier insbesondere bestimmt ist, die Handlungsart der Intelligenz überhaupt zum Bewusstseyn zu erhe- ben; und die Wissenschaftslehre ist von anderen Wissenschaften nur dadurch unterschieden dass das Object der letzteren selbst eine freie Handlung, das Object der ersteren aber nothwendige Handlungen sind. 

Durch diese freie Handlung wird nun etwas, das schon an sich Form ist, die nothwendige Handlung der Intel- ligenz, als Gehalt in eine neue Form, die Form des Wissens, oder des Bewusstseyns aufgenommen, Und dem- nach ist jene Handlung eine Handlung der Reflexion. Jene nothwendigen Handlungen wer den aus der Reihe, 
in der sie etwa an sich vorkommen mögen, getrennt und von aller Vermischung rein aufgestellt; mithin ist jene Handlung auch eine Handlung der Abstraction. Es ist unmöglich zu reflectiren, ohne abstrahirt zu haben.


*) ['Gesetz' ist dasjenige, was die Handlung bestimmt; es wird sich finden, dass es sich um das Wollen und den Zweckbegriff handelt. JE]
_______________________________________________
Über den Begriff der Wissenschaftslehre, SW I, S. 70ff.



Nota. - Dass die wirklichen Wissenschaften, die wir kennen, aus einem Akt der Freiheit entstanden wären, ist mehr als diskutabel. Medizin und Astronomie sind aporetisch, durch Ansammeln empirischer Beobachtungen anhand gegebener praktischer Probleme entstanden; Mechanik und Ballistik nicht minder. Arithmetik und Geo- metrie dürften von Beginn einen spekulativen Anteil gehabt haben. Zu sagen, Wissenschaft im eigentlichen Sinn wurden sie erst, als die disparaten Einzelbefunde unter einem Grund-Begriff in ein System gefasst wurden, wäre richtig; wäre aber Wortspielerei. Wahr ist aber zum Beispiel, dass die Chemie erst im letzten Drittel des 19. Jahr- hunderts zur Wissenschaft wurde, als ihr die Unterscheidung in organische und anorganische unterlegt wurde. 


*

Das ist aber nicht, worauf es ankommt. Der entscheidende Gedanke ist, dass das tatsächliche menschliche Wissen ein System ist. Nicht so, dass das Wissens eines jeden Menschen ein System wäre oder er es sich als ein solches auch nur vorstellte. Dass es ein System ist, erweist sich daran, dass es von den Wissenschaftlern als ein solches darstellbar ist. Das bedeutet nicht, dass es keine Lücken hätte oder ohne Widersprüche sei. Die Wider- sprüche besagen nur, dass zwischen zwei einander widersprechenden Forschungsergebnissen das vermittelnde Glied noch nicht gefunden ist. Dass es einmal gefunden werden kann, ist jedoch die Prämisse der Wissenschaft - nämlich die, dass Vernunft herrschen kann, weil sie herrschen soll. Denn wenn nicht, gäbe es kein Wissen noch Wissenschaft.
'Dem diskursiven Denken liegt als Prämisse die ungeahnte Fiktion zugrunde, der logische Raum – Ein und Al- les – sei eine geschlossene Sphäre, deren Umfang lückenlos von Begriffen angefüllt ist, die einander wechselsei- tig bestimmen. 

In unserer wirklichen Vorstellung ist die Welt hingegen ein – 'zwar endlicher, aber unbegrenzter' – Raum, in dem Bedeutungen teils so nah bei einander liegen, dass sie einander berühren, ineinander verfließen und bei genauem Hinschauen gar nicht recht zu unterscheiden sind; und teils ganz beziehungslos neben einander liegen ohne ein Drittes, an dem sie wenigstens zu vergleichen wären.

Das logische Ein und Alles verhält sich zum wirklichen Vorstellen etwa so, wie die Welt des naturwissenschaft- lichen Labors zu den Dingen unseres Mesokosmos.'


*

Und wenn auch keiner mehr das Wort Vernunft in den Mund nehmen mag - dass sie sich der diskursiven Me- thode befleißigen, nehmen alle in Anspruch. Die Wissenschaftslehre als 'echter durchgeführter Kritizismus' macht sich zur Aufgabe, die Pämisse auf ihre Berechtigung zu prüfen. Das tut sie aus Freiheit und ohne Not- wendigkeit.
JE

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen