Sonntag, 15. Mai 2016

Ein Widerstand ist nichts ohne Tätigkeit.


Mattheuer, Sisyphus

Die Freiheit ist absolute Selbstaffektion und weiter nichts, sie ist aber kein Mannigfaltiges, also auch nicht anschaubar. Hier soll aber ein Produkt derselben anschaubar sein, sie soll also mittelbar anschaubar sein. Dies ist nur unter der Bedingung möglich, dass mehrere Selbstaffektionen gesezt werden, die als mehrere nur unterscheidbar wären durch das Mannigfaltige des Widerstandes, der ihnen entgegengesetzt würde; aber ein Widerstand ist nichts ohne Tätigkeit, und inwiefern er überwunden wird, kommt er ins Ich. Das Ich sieht nur sich selbst, nun sieht es sich aber nur im Handeln, aber im Handeln ist es frei, also überwindend den Widerstand: Die Freiheit wirkt ununterbrochen fort, der Widerstand gibt ununterbrochen nach, [so] dass doch immer ein Widerstand bleibt. (Ein Bild davon ist das Fortschieben eines beweglichen Körpers im Raume.)

In jedem Momente liegt Handeln und Widerstand zugleich. Dieses Handeln geht nicht rückwärts, sondern in einem fort, es ist immer ein und dieselbe Selbstaffektion, die sich immer weiter ausdehnt durch die Anschauung. Der einfache Punkt der Selbstaffektion wird ausgedehnt durch die Anschauung der Selbstaffektion zu einer Linie. In Verfolgung dieser Linie erhalten wir [eine] Folge bestimmter Teile. Dass es Teile sind und als solche aufgefasst werden, dafür liegt der Grund in der Reflexion, dass nämlich in diese Linie A, B, C, D pp. gesetzt wird; aber dass in dieser Ordnung aufgefasst wird, davon liegt der Grund nicht in der Reflexion, denn diese kann nur dem realiter Tätigen folgen, auch liegt der Grund nicht in der realen Tätigkeit, denn die Mannigfaltige ist ja ein die reale Tätigkeit Verhinderndes, ihr Entgegengesetztes; mithin ist die reale Tätigkeit in Rücksicht der Folgen gebungen, und die ist der Unterschied zwischen dem Charakter des Bestimmbaren und [des] Bestimmten.
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Wissenschaftslehre nova methodo, S. 59

Nota. - Die (reine) reale Tätigkeit ist nicht anschaubar, weil sie nicht mannigfaltig (='quantifizierbar') ist, sondern 'eins', nämlich Noumenon. Sie folgt einem Zweckbegriff, nach dessen Maßgabe sie aus dem Mannigfaltigen des Bestimmbaren eine bestimmte Anzahl Objekte wählt. An diesen Objekten, nämlich an den Widerständen, die sie ihr leisten, zerlegt sie sich selbst in die Mannigfaltigkeit, jetzt wird sie anschaubar, wird sie Handlung, wird sie Etwas.
JE





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