Montag, 2. Januar 2017

[Weitere Unsicherheit bei Kant.]


 
Anmerkung. 

1) Ich finde mich als ein Objekt, bin mir gegeben.

2) Das Bestimmbare ist ein Reich vernünftiger Wesen außer mir. Aber vernünftige Wesen außer mir werden nur gedacht, um das Mannigfaltige zu erklären. Die Vernunft und den freien Willen anderer außer mir nehme ich nicht wahr, ich schließe nur darauf aus einer Erscheinung in der Sinnenwelt; sie gehören daher nicht in die Sinnen-, sondern in die intelligible Welt, in die der Noumena.

(Der auffallendste Beweis, dass der Kantsche Kritizismus nicht vollendet ist, ist, dass Kant sich über diesen Punkt nicht erklärt hat. Kant war der Sache äußerst nahe in der Kritik der Urteilskraft. Das Prinzip der reflek- tierenden Urteilskraft wäre es, woraus sich diese Annahme erklären ließe. Die Urteilskraft ist bloß subsumie- rend, wenn sie nach den allgemeinen Gesetzen des Denkens, nach den Kategorien verfährt. Nun aber kann der Fall eintreten, wo dies nicht angeht, wo aber doch geurteilt werden muss, es muss daher auf die entgegenge- setzte Weise verfahren werden. Kant zeigt dies nur bei der Beurteilung der organisierten Naturprodukte.

Bei Kant kommt das Prinzip der Annahme vernünftiger Wesen außer mir nicht vor als ein Erkenntnisgrund, sondern als ein praktisches Prinzip, wie es in der Formel seines Moral-//151//prinzips aufgestellt ist: Ich soll so handeln, dass meine Handlungsweise Gesetz für jedes vernünftige Wesen werden könne. Aber da muss ich doch schon vernünftige Wesen außer mir annehmen, denn wie will ich sonst dies Gesetz auf sie beziehen?)
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 150f.



Nota. - Was mit der Andeutung zur Kritik der Urteilskraft und zur 'entgegengesetzten Weise' gemeint ist, kann ich einstweilen nicht herausfinden. 

Das ist keine Kleinigkeit: Wenn Kant annimmt, ich könne auch ganz für mich allein ein vernünftiges Wesen sein und müsse erst dann, wenn ich mit andern in Verkehr trete, über meine Handeln Rechenschaft ablegen, vermengt er nicht nur unerlaubt Recht und Moralität, sondern er leistet der Annahme Vorschub, dass 'es' die Vernunft 'gibt' - was er wohl selber so gesehen hat, sonst hätte er sich mit der Aufdeckung der Kategorien und der beiden Anschauungsformen kaum begnügen können

Bei F. dagegen ist die Reihe vernünftiger Wesen, nämlich die Aufforderung, die durch sie ergeht, Bedingung reeller Vernünftigkeit. Vorher mag ich 'an sich' vernünftig gehandelt haben, aber ich brauchte nicht darauf zu achten: Es kam nichts darauf an. Zwar liebäugelt auch er immer wieder mit einer an-sich-seienden Vernunft; aber ebenso reizt ihn der Gedanke, Vernunft könnte aus der gegenseitigen Aufforderung zur Vernünftigkeit überhaupt erst entstehen. Davon ist er durch den Atheismusstreit wieder abgekommen, aber es ist das, was die Wissenschaftslehre heute, wie man so sagt, "anschlussfähig" macht.
JE






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