Mittwoch, 16. November 2016

Mein Leib.


Faustkämpfer, Quirinal
 
Das Ich kann nicht ideal sein, ohne praktisch zu sein und umgekehrt; dadurch entsteht ein Doppeltes. Nun ist die Rede vom Ich, also es gibt ein Gefühl des Gefühls und ein Anschauen des Anschauens, und dadurch bekä- men wir ein Vierfaches. Wir haben es zugleich mit dem Ich als Objekt des Anschauung zu tun. Die Form der Anschauung ist Raum und Materie. Das Ich wird sonach Materie im Raum, sofern es begrenzt und strebend ist. 

Das Streben überhaupt als solches ist unendlich, es geht auf eine Kausalität ins Unendliche aus. Sonach muss der Raum unendlich sein. Dieses Streben ist absolut frei, es gibt gar keine mögliche Rücksicht, wo es sich nicht weiter bestimmen oder aufhalten könnte; dadurch wird der Raum und die Materie //120// teilbar bis unendlich. Dies wurde im vorigen Paragraphen nur aufgestellt als Resultat der Freiheit des Denkens; hier wird es höher auf die Freiheit des Strebens zurückgeführt.

Ist nun von meinem Streben, in wiefern es nicht Kausalität hat, mithin von Begrenztheit die Rede, so ist es ein geschlossnes gegrenztes Quantum. Aber auf diesem Punkt bin ich frei, es hängt von meiner Selbstbestimmung ab, meine Grenzen auszudehnen und meinem Streben Kausalität zu verschaffen. Der Raum, in dem ich sein soll, steht unter meiner Herrschaft; die Materie, die ich sein  soll, und ihre Teile hängt [sic] von mir ab. Es ist mein Leib, inwiefern er artikuliert ist.
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Wissenschaftslehre nova methodo,
 Hamburg 1982, S. 119f.
 



Nota. - Noch immer ist die Rede ja vom Ich. Es ist nicht so, dass die (sinnliche) Leiblichkeit nachträglich zum (geistigen) Streben hinzukäme. Sondern das Ich, das schlechterdings strebend-fühlend-anschauend ist, muss sich in einem Raum anschauen - den es erfüllt: als Leib. Das alles geschieht nicht sukzessive, sonder ist so mit einem Mal.

Und noch einmal: Es geht der Wissenschaftslehre nicht darum, dieWelt, wie sie ist, zu begründen, sondern dar- um, das Bewusstsein, das wir ja wirklich haben, zu verstehen; zu verstehen, in wiefern wir vernünftig sind - und was das überhaupt heißt.
JE


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